Studienfahrten der 12. Klasse

Die Fremde, das Andersartige, das Neue ist für uns alle, aber besonders für Jugendliche anziehend. So sollten die Fahrten dem Ansinnen der Schülerinnen nach schon immer in fremde Länder gehen und unsere erste Studienfahrt - damals war es selbstverständlich eine 3-wöchige Fahrt (wir hatten noch jeden Samstag Unterricht) - ging im Frühsommer 1988 nach Griechenland.

Mit den späteren Jahrgängen waren wir in Umbrien am Nordufer des Trasimenischen Sees, besuchten Florenz, Perugia, Siena, Assisi und Rom, waren aber auch zweimal in Prag, in Barcelona und in Schweden, ja sogar einmal in Israel/ Ägypten und Rumänien, bis wir nun schon über viele Jahre hinweg wieder Griechenland erkunden und dort auf dem Peloponnes eine geeignete Unterkunft gefunden haben, „Lalunda“ bei Olympia.
Wenn man die Ehemaligen fragt, was Ihnen zur Schulzeit in Erinnerung geblieben ist, so sind es in der Regel die Projekte und Unternehmungen, die über den regulären Unterricht hinausgehen, die da genannt werden. So erlangt die Studienfahrt, die gleichzeitig auch eine Abschlussfahrt der 12 jährigen Schulzeit ist, eine besondere Bedeutung und bedarf einer auf die jeweilige Klasse bezogenen individuellen Gestaltung.
Bewährt hat sich nach meinen jahrzehntelangen Erfahrungen als ein Grundpfeiler eine feste Unterkunft, die als „Heimat“ erlebt, wo man sich zuhause fühlt und wohlfühlen kann. Weiterhin ist ein geregelter Tagesablauf mit einer sich wiederholenden Struktur und reichhaltiges gutes Essen für die meist 18 jährigen Erwachsenen wichtig. In einem solchen Ambiente kann gut und sinnvoll gearbeitet werden. Hier haben wir in Göttingen den Schwerpunkt auf die künstlerische Beschäftigung mit der Führung eines Skizzenbuchs und auch weiterer Projekte wie Malerei, Land-Art, Fotografie, Film u. a. gelegt. Sich in der heutigen schnell lebigen Zeit mind. eine halbe Stunde an einem Ort mit einem Motiv zu beschäftigen und dieses aufs Papier zu bringen, das stellt sich immer wieder neu als schwierige Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Dabei werden nicht bemerkte Details entdeckt, die Räumlichkeit, Perspektive in ihrer Gesetzmäßigkeit erkundet, Plastizität, Licht und Schatten beachtet, Proportionen/ Richtungen abgeschätzt und vielleicht noch Teile farbig koloriert. Ein solches Bild und gleichzeitig atmosphärisches Erlebnis bleibt beständig in meiner Erinnerung. Selbstverständlich gelingt nicht jede Zeichnung, aber da jeden Tag gearbeitet/ geübt wird, kann jeder Schüler im Laufe der 10-14 Tage einen deutlichen Fortschritt seiner Fähigkeiten feststellen und erfährt beim gegenseitigen Betrachten der Ergebnisse immer wieder Anerkennung seiner Mitschüler und selbstverständlich die des Lehrers. Wieder zuhause in Göttingen wird für Eltern und Gäste eine Präsentation vorbereitet und auch hier werden die Skizzenhefte/ -bücher gezeigt.
Gleichzeitig ist eine Studienfahrt ein soziales, gemeinschaftliches Erlebnis, welches Rücksichtnahme fordert, viele Aufgaben für die ganze Klassengemeinschaft beinhaltet und so einen jeden über die Erfüllung seiner privaten Bedürfnisse hinaus fordert. Die inhaltlichen Vorbereitungen eines Jeden in Form von Referaten zur Geschichte, Kultur, Flora, Fauna usw. oder auch vorbereitete Führungen durch die Kulturstätten bereichern neben den täglichen gemeinsamen Rückblicken inhaltlich und ergeben zusammen einen umfassenden Einblick und Überblick des fremden Landes.
So erfahren und praktizieren die jungen Erwachsenen eine Form des Reisens, die heute nur sehr selten zu finden ist und an die man sich - so hoffe ich - später im Leben gern erinnert.
Rüdiger Haensel