Eine wundervolle Gemeinschaft

Aus der: erziehungskunst Januar / Februar | 2020

Lotta Pielow / May Wyss (beide 18), 13. Kl., Freie Waldorfschule Göttingen

Auf der Bundesschülertagung in Mannheim haben über 250 Waldorfschüler miteinander getanzt, gesungen, Utopien entwickelt – und nicht zuletzt ihre neue Schülervertretung (SV) gewählt.
Waldorfschüler aus ganz Deutschland trudeln nach und nach an der Alanus Hochschule in Mannheim ein. Wir treffen Schüler aus Eisenach und Kassel, die wir von anderen Bundesschülertagungen kennen. Die jüngeren Schüler sind auffällig groß geworden, ihre Gesichter wirken verändert. Bereits im Zug auf dem Weg von Göttingen nach Mann- heim schauen wir uns aufmerksam nach Jugendlichen um, die möglicherweise zur Tagung reisen könnten. Wir haben etwas gemeinsam: Wir sind oder waren alle Waldorfschüler. Egal ob aus Stuttgart, Berlin oder Remscheid, wir kennen alle den gleichen Morgenspruch, den wir jeden Tag sprechen, wir haben die gleichen Lieder gesungen, haben mit Wachsmalstiften in der Unterstufe Formen in unsere Hefte gemalt. Hier müssen wir niemandem erklären, dass wir unsere Namen zwar tanzen können, aber dass das nicht Sinn der Sache ist.

Bei der Anmeldung wird viel gelacht, viele in Vergessenheit geratene Namen werden erraten und altbekannte Gesichter erkannt und freudig begrüßt. Die gute Stimmung lässt sich mit Händen greifen. Vor den Tischen mit den Workshoplisten bildet sich eine unübersichtliche Schlange. Am beliebtesten sind bei jeder Tagung Volkstanz, Impro-Theater und Chor, alle drei sehr schnell voll. Weitere Angebote sind, wie man erfolgreich über aktuelle Themen diskutiert, ein Workshop zum Thema »Was will ich lernen« und ein Anfängerkurs zur Gebärdensprache.
In der späten Oktobersonne stehen etwa 250 Waldorfschüler im grünen Hinterhof dicht gedrängt zusammen. Es sind die traditionellen Kennenlernspiele, die am Anfang jeder Tagung stattfinden. Der Platz zwischen gemütlichen Bänken, Bienenstöcken und Beeten ist zu klein und wir weichen auf einen ruhigen Kreisel in einem nahegelegenen Wohngebiet aus. Die Anwohner hinter ihren Fenstern schauen verwundert auf die bunte Versammlung zwischen ihren Häusern. Dann geht es zurück zum ersten Plenum.
Der Regen prasselt leise gegen die Fenster, draußen ist es diesig und grau. Doch das stört uns nicht. Im Gegenteil. Nichts hält uns davon ab, draußen in den Pausen Volleyball zu spielen oder abends am Feuer in einer großen Runde Lieder zu singen.
Ob wildfremd oder bekannt, wir unterhalten uns über den Klimawandel, Eurythmie, das Mathe-Abitur. In den Pausen zwischen dem Programm, linst jeder in seinen persönlichen Briefkasten: ein Briefumschlag markiert mit dem jeweiligen Namen.
Oben im Kunstraum, wo Malfarben bereitgestellt sind, ist die Luft voller kreativer Energie. Das neue zu gestaltende Banner wird eifrig koloriert, Schuhe und Taschen werden angemalt, Fotos mit einer Analog-Kamera geschossen. Es ist gemütlich und heimelig.

Die Klimakrise im Bewusstsein
Das Thema der Tagung »Gemeinschaft, Gesellschaft und Generation«, wird immer wieder in den Vorträgen aufgegriffen. Der Vortrag von Roman Huber, einem der Grün- der der Lebensgemeinschaft Tempelhof, bewegt uns. Ist gemeinschaftliches Leben vielleicht die Zukunft? Eine Lösung in unserer Welt, in der die Einsamkeit durch die sozialen Medien immer stärker wird, wir durch die wachsende Bevölkerungszahl immer näher zusammenrücken müssen und es wegen knapper werdender Ressourcen für uns notwendig wird zu lernen, mehr miteinander zu teilen? Zur Verwunderung der älteren Generationen haben wir die Klimakrise bereits akzeptiert, sie gehört zu unserem Alltag und die in Angst und Schrecken versetzenden Fakten überraschen uns nicht mehr. Unsere Fragen sind, wie wir die bevorstehenden Folgen des Klimawandels verhindern können. Wir suchen aktiv nach Lösungen, gehen auf Demos und reden über alternative Zukunftsmöglichkeiten, die die immer stärker werdende Anonymität in unserer Gesellschaft umkehren könnten.
Ein zu diesem Thema passender Vortrag kommt von Tobias Rosswog, der »Living Utopia« initiiert hat und versucht, möglichst geldfrei zu leben. Er fordert uns auf, unsere Utopien zu verwirklichen. Wir fragen, ob das von ihm gelebte Leben wirklich für alle Menschen möglich sein kann. Er antwortet darauf, dass niemand so leben muss wie er, sondern dass es viele, ganz unterschiedliche Formen des nachhaltigen Lebens und Zusammenlebens gibt und für jeden etwas dabei ist. Denn so wie wir jetzt leben, scheint die eigene und die gesellschaftliche Entfremdung sich nicht nur fortzusetzen, sondern sich noch zu verschlimmern. Nach dem Vortrag fühlen wir uns auf eine sehr gute Art ermutigt und inspiriert.
Nach zwei Tagen in der sicheren Umgebung der Alanus Hochschule trauen wir uns raus in die weite Welt, in die Innenstadt Mannheims. Wir wissen nicht genau, was uns er- wartet, nur dass wir uns alle in der Stadt treffen, dazu wer- den noch die Teilnehmer vom »Wandelcampus« stoßen, einer Veranstaltung für ehemalige Freiwillige. Gemeinsam werden wir einen Flashmob veranstalten.
Als dann alle nach und nach auf dem großen gepflasterten Platz eintreffen, steigt die Neugier. Schnell haben wir einen großen Kreis gebildet, so groß, dass man sich nur mit Rufen und Handzeichen verständigen kann. In der Mitte steht der Lautsprecher auf Rollen, aus dem jetzt die Musik tönt. Angeleitet von denjenigen, die die Tänze beherrschen, versuchen wir den Schritten zu folgen, erst nach rechts, dann wieder nach links, tanzen wir im Kreis und umeinander herum. Die Freude und das Lachen greift auf unsere Zuschauer über. Sie trauen sich zwar nicht alle – trotz mehrfacher Einladungen – mitzumachen, stehen aber mittendrin und filmen uns. Abends im »Hotel«, der interkulturellen Waldorfschule Mannheim, sind wir noch lange nicht am Schlafen. Es wird gesungen und getanzt, es werden Karten gespielt und Birnen gegessen. Die Räume der Schule befinden sich in einem ehemaligen Möbelhaus, sie wirken wegen all der rechten Winkel etwas fremd auf uns und untypisch für eine Waldorfschule. Jedoch erweckt die farbige Wandbemalung einen heimatlichen Eindruck. Die Schule befindet sich direkt gegenüber einem Rummelplatz. Auch das ist untypisch, aber es wird deutlich: Waldorf geht überall, in unterschiedlichen Formen. Am Ende der Tagung, nach der erfolgreichen Wahl der neuen SV-Mitglieder sind alle sehr erschöpft, aber schon voller Vorfreude auf die nächste Tagung, auf der wir wieder auf diese wundervolle Gemeinschaft treffen werden.

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