Wortbeitrag - Marcus Opitz

Rede von Marcus Opitz - Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde - zur 40-Jahrfeier

Liebe Gäste, liebe Schulgemeinschaft,
Sie verzeihen, wenn ich in dieser feierlichen Stunde nicht mit Goethe oder Schiller einleite, auch wenn die Versuchung natürlich groß ist, sondern ganz prosaisch den Altkanzler Konrad Adenauer zitiere; der pflegte seine Reden mitunter mit dem Satz einzuleiten: „Meine Damen und Herren, die Lage war noch nie so ernst.“ Wenn er heute hier reden würde und diesen Satz sagte, viele von uns würden wohl nicken und denken: „wie recht hat er“. Und doch, „wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – wieder nicht Goethe oder Schiller, aber Hölderlin, immerhin– liebe Anwesende: Es ist Zeit: „Lassen Sie uns mehr Waldorf wagen“.

Als sich gestern Mittel- und Oberstufe gemeinsam hier im Saal versammelten, um den Demonstrationszug im Rahmen von „Fridays for Future“ zu planen, da wurde mir einmal mehr deutlich, welchen Schatz wir hier an unserer Schule haben. Da wachsen Menschen heran, die politisch sind im besten Sinne: Es ist förmlich spürbar: Hier verbindet sich Idealismus mit Humanität, Klarheit und Bestimmtheit mit einem neuen Ton, keine Hassrede, kein Imponiergehabe, hier verbindet sich die Idee mit der Bereitschaft zur Tat. Hatten wir so etwas schon einmal in der Geschichte?
Rudolf Steiner wollte vor hundert Jahren die Gründung der Waldorfschule als eine kulturelle Tat verstanden wissen. Steiners Forderung ist nun bei Weitem noch nicht eingelöst worden. Waldorfschule, das erzeugt in der Öffentlichkeit ganz unscharfe Bilder. Im besten Falle wird sie als eine weitere Form der Reformpädagogik mit interessanten Ansätzen gesehen und ganz innovative Journalisten betiteln dann ihre Aufsätze zum Jubiläum, mit der originellen Überschrift, dass man dort seinen Namen tanzen könne. Und doch glaube ich, dass Waldorfpädagogik einen ganz entscheidenden Beitrag zu den historischen Herausforderungen der Gegenwart leisten kann.
An der Oberfläche ist Waldorfschule durchaus ein Erfolgsmodell – weltweit: Über 1000 Schulen verteilen sich über den Globus. Allein in Deutschland sind es annähernd 250; es gibt sie in Russland und in Israel und nirgendwo auf der Welt ist die Zahl der Neugründungen so hoch wie in China; gerade dort, wo Schule normiert, das Lernen des Kindes in ein Korsett staatlicher Vorgaben und Erwartungen gepresst wird, gerade dort wächst Waldorf als ein Gegenmodell.
Und hat sich Waldorfschule nicht auch hierzulande als pädagogisch innovativ erwiesen? Etwa die Überzeugung, dass es sinnvoll ist Jungen und Mädchen gemeinsam in einer Klasse zu unterrichten, dass es vielleicht keine gute Idee ist, schon die Kleinsten in Form von Notenzeugnissen zu beurteilen, dass es vielleicht sinnvoll sein mag, den einen oder anderen Unterricht epochal zu gestalten? Es gibt genügend Beispiele, wo Waldorfschulen Methodenpioniere, wie Valentin Wember dies nennt, waren. Und doch entstehen auch immer wieder Missverständnisse, wofür wir Pädagogen meiner Meinung nach die Hauptverantwortung tragen: Es reicht eben nicht aus, ein Schild mit der Aufschrift: „Wir machen es anders!“ vor sich her zu tragen. Waldorfpädagogik ist eben nicht hinreichend beschrieben, wenn etwa auf den Epochenunterricht, die Bedeutung von Künstlerischem und Handwerklichem oder das Nicht-Sitzenbleiben-Können verwiesen wird. Ja, all das findet sich an einer Waldorfschule, aber es bildet nur die Oberfläche ab: Solange, wie jetzt etwa wieder in der Süddeutschen und der Zeit zum Hundertjährigen, den Menschen nicht wesentlich mehr zu Waldorf einfällt, als dass man dort seinen Namen tanze, so lange steht dies als ein gesellschaftlicher Hinweis dafür im Raum, dass Waldorfs selbst nicht genau wissen, was sie tun. Für diesen Hinweis sollten wir indes dankbar sein! „Waldorfschule – eine gute Alternative“, so plakatiert es der Bund der Freien Waldorfschulen, „wir machen es anders“, dabei darf es eben nicht bleiben!
Denn wenn nicht klar ist, was denn eigentlich die pädagogischen Kernanliegen von Waldorfschulen sind, dann bastelt sich ein jeder selbst seinen Erwartungshorizont: Der eine will es für sein Kind gern etwas kuscheliger haben, der nächste mit weniger Stress zum angestrebten Schulabschluss kommen. Während einer intransparente Strukturen beklagt, fordert der nächste basisdemokratisches Mitentscheiden, auf der Grundlage des eigenen Demokratieverständnisses natürlich.
Mir geht es jetzt nicht darum, diese heterogenen Erwartungen zu beurteilen oder zu verurteilen, sondern vielmehr darum, die Pädagogen dafür in die Verantwortung zu nehmen, die Kernanliegen von Waldorfpädagogik deutlich zu machen und in ihrem Unterricht für die Kinder auch erlebbar werden zu lassen. Denn sonst sind Enttäuschungen in der Folge geradezu zwangsläufig, dann nämlich, wenn sich der eigene Erwartungshorizont nicht abbildet in dem, was das Kind in der Schule erlebt, was Eltern in der Schule, mit der Schule erleben. „Das ist nicht Waldorf“, heißt es dann. Enttäuscht.
Diese waldorfpädagogischen Kernanliegen sind es, für die eine Schule ihre Kräfte bündeln sollte, die das höchste Maß an Transparenz erfordern – „was machen wir und warum machen wir das?“, – die im Mittelpunkt der Lehrerkonferenzen stehen müssen, die auch mit Eltern auf Elternabenden besprochen und zusammen weiterentwickelt werden sollten, zu denen sicher am kompetentesten gerade die älteren Schüler Rückmeldung geben können: „Macht ihr eigentlich das alles auch, was ihr Euch vorgenommen habt?“ Ein höchstes Maß an Klarheit, was die Pädagogik angeht! Strukturelle, organisatorische Dinge sind vor diesem Hintergrund zweitrangig.
Worum geht es?
Im Kern steht das schon gleich am Anfang des Morgenspruchs, den alle Waldorfschüler ab der fünften Klasse gemeinsam sprechen. „Ich schaue in die Welt“. Es geht um Ich und Welt. Waldorfpädagogik ist Ich-Bewusstseinspädagogik. Nicht Ego -Pädagogik, wohlgemerkt. Indem sich ein Mensch seiner selbst bewusst wird, durchbricht er die Schranken seiner zeitlichen Bestimmtheit, er sieht seine Wandlungen, seine Verwandlungen, „ich bin ein anderer!“; er sieht aber auch seinen Wesenskern: „Und doch bin das immer noch ich“. „Und auch in Zukunft werde ich ein anderer und doch ich sein!" Wer dieses Ich entdeckt, entdeckt sein inneres Heiligtum.
Die Aufgabe von Waldorfschule, von Waldorfpädagogen ist es, diesem Wesenskern zu dienen, dafür Sorge zu tragen, dass er seine Aufgaben hier auf der Erde erfüllen kann. Niemals aber darf dieser Kern nur als ein Mittel zum Zweck benutzt werden. Wie schnell aber geht das? Schon durch den Satz: „Am Ende kommt es doch aber auf den Abschluss an“ wird das Ich, werden die Schülerinnen und Schüler, unsere Kinder als ein Mittel zum Zweck behandelt. „Unwürdig“ nennt Gerald Hüter das, zurecht, wie ich meine. Und das lernt nun Generation auf Generation: Denn auch die Lerninhalte sind ja Mittel zum Zweck: „Wofür brauche ich das? kommt das im Abi dran?“ Welcher Bezug zur Welt wird denn auf diese Weise gelernt? Dass die Dinge eine reine Funktion für mich darstellen, dass sie zuerst ein Mittel zum eigenen Fortkommen sind. Und so gehen wir dann mit der Welt auch um: Wir benutzen sie, sie stellt für die meisten keinen Wert an sich dar. Das ist die tiefere Geschichte hinter dem Klimawandel, gegen den unserer Schüler gestern demonstriert haben. Dieser ist eben auch moralisch menschengemacht.
„Ich schaue in die Welt“ – hier ist nun ein ganz anderes Weltverständnis gemeint. „Meine Seele und die Welt sind eines nur“ heißt es im Friedenstanz von Rudolf Steiner, auf den ich später noch einmal zurückkomme.
Und in dieser Welt erfahre, erlebe ich den anderen, das Du, ich spüre, dass ich mein Ich, mein inneres Wesen ohne das Du gar nicht entdecken kann. Ich brauch das Gegenüber als Spiegel zur Selbsterkenntnis. Wenn ich nun in der Schule erfahre, dass ich nicht als Mittel zum Zweck benutzt werde, dann ahme ich das als Erwachsener nach, ich behandele die Welt auch nicht als Mittel zum Zweck und den anderen auch nicht. Er ist nicht da, um meine Erwartungen zu erfüllen, sondern ich liebe ihn seiner selbst wegen. Was für eine Gemeinschaft menschlichen Zusammenseins erscheint hier am Horizont! Hier können Sie die Dimensionen einer solchen Kulturtat, von der Steiner sprach, erahnen.
„Das ist mir zu hoch, idealistische Schwärmerei?“ Wie soll das gehen?“
Wie soll das gehen?
Lassen Sie mich drei Kernaspekte von Waldorfpädagogik konkretisieren und die Gedanken auf den Boden holen.
1. Die Lehrer sind selbst Lernende: Damit ist nicht nur gemeint, dass Lehrer eingestehen können, auch Fehler zu machen und sie auch bereit sind, aus diesen zu lernen. Sicher, das gehört auch dazu. Hinzu kommt aber auch, dass Schüler erleben können, dass sich ihre Lehrer mit ihnen weiterentwickeln: „Klar lerne ich, mein Lehrer lernt ja auch!“. Am Klarsichtfolienkollegen, der jahrein jahraus das gleiche Programm in seinen Klassen abspielt, können die Schüler eben nichts lernen, Fachliches vielleicht, aber Sie sehen, hier ist eben ein erweiterter Lernbegriff gedacht. „Der Lehrer als Lernender“: Dieser Satz ist aber sogar noch weitgehender zu verstehen: Versteht man sich nicht einer Form des Kulturpessimismus verpflichtet, dann sieht man als Lehrer nämlich nicht zuerst, dass die Schüler von Jahr zu Jahr schwieriger und leistungsschwächer werden, sondern, dass ihnen andere Dinge wichtiger sind, ja, dass da Menschen sind, die die Welt voranbringen wollen, die Fähigkeiten mitbringen, die der Lehrer in seiner eigenen Biographie noch gar nicht ausbilden konnte, vielleicht auch niemals ausbilden wird. Menschen, die neue Ideen mitbringen. „Da kann der Lehrer ja was lernen!“ Der Lehrer lernt von seinen Schülern! Nur wenn die Kinder den Lehrer als Lernenden erleben, bleibt ihnen die Fähigkeit, die eigentlich alle Kinder mit in die Schule bringen, erhalten: Aus eigenem Antrieb zu lernen. Lernen zu wollen, Lernen zu mögen. Lernt der Lehrer nicht, fordert es aber von seinen Schülerinnen und Schülern, kann jeder Arbeitsauftrag doch nur als Fremdbestimmung wahrgenommen werden: „Warum sollte ich etwas tun, was der nicht tut?“ „Weil du sonst eine fünf oder sechs bekommst“, könnte die Antwort sein. Geht aber nicht an Waldorfschulen. Wollen wir hier nicht.
2. Kommen wir deshalb zu Punkt zwei. „Waldorfpädagogik ist Beziehungspädagogik“: Eine Beziehung besteht eben in der Regel nicht darin, dass der eine macht und tut, was der andere sagt. Sie besteht aber auch nicht darin, dass einer dem anderen bloß ein Freund oder Kumpel ist. Es ist tiefgreifender gemeint und ohne eine Bezugnahme auf die spirituell menschenkundlichen Grundlagen der Pädagogik Rudolf Steiners nicht wirklich zu verstehen. Das Kind, was seinem Lehrer gegenübersteht, ist hierbei nicht bloß der Mensch, der er ist, sondern auch der Mensch, der er war und der er sein wird. Dies ist insofern eine idealistische Haltung, als dass der Mensch nicht allein als ein physisch-psychologisch-soziales, sondern auch als geistiges Wesen verstanden wird. Es ist die ureigenste Aufgabe des Lehrers dem Kind zu helfen, das sein zu können, was in seinem Wesenskern angelegt ist. Darum geht es in der Schule eigentlich. Und dies geht immer zuerst über das Gefühl, vor allem in der Unter- und Mittelstufe geht das Lernen über das Gefühl. Und Gefühle gibt es nicht ohne Beziehung und Beziehung nicht ohne Gefühl. Ohne Beziehung heißt das, ist kein wirkliches Lernen möglich. Das, womit ich gefühlsmäßig etwas verbinde, das bleibt mir in Erinnerung und, was noch entscheidender ist, bringt mich weiter. Im Deutschen haben wir auch ein schönes Wort für das reine kopfmäßige Lernen: „Pauken", die gesteigerte Form ist das Bulimiepauken, ich lerne nicht einer Sache wegen, zu der ich eine innere Beziehung habe, sondern für den Test. Noch etwas: In der Beziehung zu seinen Lehrern hört das Kind: „Du bist in Ordnung“ und in einer guten Beziehung ist es unter dieser Voraussetzung auch immer möglich zu sagen: „Das fand ich nicht richtig, dort könntest du noch einmal genauer hinschauen.“ Übrigens erfährt das Kind auch auf diese Weise seine Grenzen, sie sind nämlich dort, wo die Freiheiten des anderen eingeschränkt werden. Nicht Verbote und Strafen setzen Grenzen, sondern sie entstehen hier aus der Beziehung heraus.
3. Punkt drei ergibt sich nun aus dem vorher Gesagten: „Die Schüler richten sich nicht an den Inhalten aus, sondern die Inhalte dienen den Schülern“. Es geht in einer Waldorfschule nicht darum, dass die Schüler fachliche Kernkompetenzen erwerben und diese auf der Grundlage überprüfbarer Kriterien nachweisen. Es geht nicht darum, dass sie lernen, auf operationalisierte Fragestellungen Beantwortungsstrategien zu entwickeln, sondern dass sie eigene Fragestellungen und Strategien zu deren Beantwortung entwickeln. Nicht die Fragen des Lehrers oder der Landesschulbehörde sind die wichtigen Fragen, sondern die individuellen Fragen des Kindes. Die Beschäftigung mit den Inhalten des Unterrichts geben dem Kind Schlüssel an die Hand, die für seine Entwicklung wichtig sind, sie erschließen neue Horizonte. Über die Inhalte in die Welt hinein und über sie hinaus! Ich glaube übrigens, dass ein Mensch, der dazu in der Lage ist, für ihn Wesentliches zu entdecken, immer auch in der Welt, in der Gesellschaft wesentlich sein und Wesentliches in der Gesellschaft und in der Welt bewegen wird.
Hier glaube ich liegt der Keim für die kulturelle Tat, als die Rudolf Steiner die Gründung der ersten Waldorfschule vor hundert Jahren verstanden haben wollte:

„Ich finde mein Schicksal, mein Schicksal findet mich,
Ich fühle meinen Stern, mein Stern findet mich,
ich fühle meine Ziele, meine Ziele finden mich.“

Diese Worte geben wir jedes Jahr unseren Schulabgängern mit auf den Weg. Sie stammen aus der oben genannten Lyrik „Friedenstanz“ von Rudolf Steiner.
Was kann es Wichtigeres im Leben geben? Es ist Zeit…
Ich danke für ihre Aufmerksamkeit!

Wortbeitrag am 21. September 2019